Die fehlende Schraube: Warum Organisationen oft nur „angelehnt“ funktionieren
- BAV

- 7. März
- 2 Min. Lesezeit
Was haben Organisationen und IKEA-Möbel gemeinsam? Ein humorvoller Vergleich offenbart eine ernste Gefahr in der digitalen Transformation – das Problem der unentdeckten Strukturlücken.
Kürzlich veröffentlichte ich einen Gedanken über den Aufbau von Organisationen, der bei vielen Führungskräften einen wunden Punkt getroffen hat:
Das Original-Statement: Die IKEA-Anleitung der Organisation„Wissen Sie, was Organisationen und IKEA-Möbel gemeinsam haben? Beide kommen mit einer Anleitung. Beide werden trotzdem meistens ohne sie aufgebaut. Und am Ende fehlt immer eine Schraube, von der niemand weiss, wo sie hingehört.Der Unterschied: Bei IKEA fällt das spätestens auf, wenn der Schrank umfällt. In Organisationen kann die fehlende Schraube jahrelang unentdeckt bleiben. Weil sich alle daran gewöhnt haben, den Schrank von der Seite anzulehnen. Und weil derjenige, der die Anleitung zuerst weggelegt hat, inzwischen Abteilungsleiter, Chefarzt oder Direktor ist.KI macht das gerade besonders sichtbar. Nicht weil sie neue Probleme schafft. Sondern weil sie bestehende Strukturlücken mit beeindruckender Geschwindigkeit skaliert.“
Die Resonanz: Wenn Kompensation zur Normalität wird
Die anschliessende Fachdebatte mit Experten für Knowledge Leadership und Leistungsanalyse hat verdeutlicht, dass der „schiefe Schrank“ in vielen KMU zum Dauerzustand geworden ist. Dabei traten drei Kernthemen hervor:
1. Die Falle der menschlichen Flexibilität Strukturlücken bleiben oft deshalb unsichtbar, weil Menschen sie durch enormen persönlichen Einsatz ausgleichen. Es wirkt so, als würde alles laufen – doch in Wahrheit entsteht die Leistung nicht aus der Struktur, sondern aus der Kompensation. Das Problem: Sobald Druck oder Tempo (etwa durch KI) steigen, bricht dieses Kartenhaus zusammen. Wer den Schrank nur hält, statt ihn festzuschrauben, verliert die Kraft, sobald der Wind zunimmt.
2. Der verlorene Mut zum Hinsehen Warum spricht niemand die fehlende Schraube an? Oft liegt es nicht am fehlenden Wissen, sondern am verlorenen Mut. Wenn Mitarbeitende erleben, dass das Aufzeigen von Lücken nicht zu Lösungen führt, sondern sie damit allein gelassen werden, legen sie den „Schraubenzieher“ weg. Kulturwandel beginnt genau hier: Führung muss den Raum schaffen, in dem das Benennen von Fehlern als Grundlage für Vertrauen und Stabilität gilt.
3. KI als Brandbeschleuniger für Steuerungsprobleme Technologie allein löst keine strukturellen Defizite; sie ist ein Beschleuniger. Ist die Struktur gut, wird das System besser. Ist sie schlecht, wird das Chaos nur schneller. KI skaliert die Unklarheit. Wer heute auf Technologie setzt, ohne die „Anleitung“ seiner Organisation neu zu schreiben, wartet im Grunde nur auf den Moment, in dem der Schrank endgültig fällt.
Fazit: Struktur ist kein Selbstzweck
Struktur ist keine Bürokratie. Sie ist die Anleitung, die verhindert, dass Organisationen im Funktionsmodus ausbrennen. Wahre „Human-Centered AI“ beginnt deshalb mit der ehrlichen Inventur: Welche Schrauben fehlen in unserem System – und wer traut sich, sie endlich festzuziehen?



