Loyalität als Risikokapital: Warum Erfahrung das Fundament der KI ist
- BAV

- 10. März
- 2 Min. Lesezeit
In Zeiten von „frischem Blick“ und „agilen Methoden“ wird eine der wertvollsten Ressourcen oft übersehen: Das implizite Wissen der Menschen, die den Laden wirklich kennen. Dabei ist genau dieses Wissen die notwendige Basis für jede KI-Adoption.
Kürzlich habe ich einen Gedanken geteilt, der die oft einseitige Fokussierung auf neue Talente hinterfragt und eine Lanze für das institutionelle Gedächtnis bricht:
Das Original-Statement: Das Gedächtnis der Organisation„Stell dir vor: Ein Mitarbeitender kennt jeden Kunden beim Vornamen. Weiss, warum Prozess X so läuft, wie er läuft. Erinnert sich an den Fehler von 2019, der fast alles zum Einsturz gebracht hätte. Und erscheint trotzdem jeden Morgen pünktlich. Was macht das Unternehmen damit? Richtig. Es sucht gerade jemanden mit «frischem Blick».In der Organisationspsychologie nennen wir das implizites Wissen. Es ist das Wissen, das in keiner Stellenbeschreibung steht und sich nicht mit ChatGPT ersetzen lässt. Ja, langjährige Mitarbeitende sind manchmal unbequem. Sie erinnern dich daran, was schon mal nicht funktioniert hat. Sie sind nicht begeistert von der fünften Reorganisation in zehn Jahren.Vielleicht ist genau das ihr grösster Wert. KI kann Prozesse beschleunigen. Aber das Wissen, das sie beschleunigen soll, muss irgendwo herkommen. Human-Centered AI beginnt nicht beim Tool. Es beginnt beim Menschen, der weiss, wie der Laden wirklich läuft.“
Die Resonanz: Wenn Wissen „in Parkposition“ geht
Die anschliessende Fachdebatte mit Experten für Transformation, IT-Leadership und Coaching hat verdeutlicht, dass viele Unternehmen auf einem Schatz sitzen, den sie systematisch ignorieren. Drei Kernerkenntnisse stachen heraus:
1. Das Risiko des unsichtbaren Verlusts Organisationen vermissen implizites Wissen oft erst dann, wenn es weg ist. Wenn erfahrene Kräfte das Unternehmen verlassen – oft weil sie mit 50 als „zu teuer“ abgestempelt werden –, verschwindet das institutionelle Know-how unbemerkt. Ein einfacher Test macht das Risiko sichtbar: Können Führungskräfte beschreiben, was ein langjähriger Mitarbeiter weiss, statt nur aufzulisten, was er tut? Wer das Wissen nicht benennen kann, hat das Risiko noch nie bewertet.
2. Changeresistenz als Reaktion auf Nichtbeachtung Was oft als „eingefahren“ oder „resistent“ wahrgenommen wird, ist häufig eine Reaktion auf jahrelange Nichtbeachtung. Wer nie gefragt wird und dessen Erfahrung bei Reorganisationen ignoriert wird, hört irgendwann auf, Antworten anzubieten. Es ist „Mut in Parkposition“. Dabei braucht Veränderung den Dialog zwischen dem frischen Blick und der Tiefe der Erfahrung – nicht das eine auf Kosten des anderen.
3. KI braucht den menschlichen Wissensspeicher KI kann ein mächtiger Wissensspeicher sein, aber sie funktioniert nur, wenn Menschen bereit sind, ihr Wissen einzubringen. Das passiert nicht durch Kontrollinstrumente, sondern durch eine Kultur der Wertschätzung. Wer Loyalität mit reiner Verfügbarkeit verwechselt, wird weder Wissen sichern noch Menschen halten können. Die Provokation für jede Führungskraft lautet: Wer verlässt uns in den nächsten 24 Monaten, und was verschwindet für immer mit ihm?
Fazit: Tiefe mit Energie verbinden
Loyalität ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Haltung, die gepflegt werden muss. Entwicklung kennt kein Ablaufdatum. Wahre Strukturklarheit bedeutet, das „Gedächtnis und Gewissen“ der Organisation nicht als Ballast, sondern als Risikokapital zu begreifen. Erst wenn wir dieses Wissen aktivieren und mit moderner Technologie verbinden, entsteht eine Organisation, die wirklich lernfähig bleibt.



